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Bildbeschreibung und Urheberrecht

Silberschmiede Adam Manns


Dörnigheim bei Hanau am Main


Kurzinformation


Von 1923 bis 1988 wurden in der Silberschmiede Adam Manns & Sohn in Dörnigheim am Main (bei Frankfurt) antike Silberwaren hergestellt. Die Geschichte, der Betrieb und Informationen zum Nachlass (Zeichenakademie Hanau) werden hier kurz vorgestellt.

Einführung


◦ Dörnigheim liegt am Main, zwischen Frankfurt und Hanau.
◦ Dort war von 1922 bis 1988 eine Silberschmiede in Betrieb.
◦ Die Silberschmiede "Adam Manns und Sohn, Dörnigheim".
◦ Der Gründer der Silberschmiede war => Adam Manns
◦ Seit 1938 geführt wurde sie von => Wilhelm Manns
◦ Hergestellt wurden Haushaltswaren wie zum Beispiel:
◦ Silberbestecke, Kuchengabeln, Tortenheber, Kannen, ...
◦ Kerzenleuchter, Obstkörbe, Trinkbecher und Weihwasserbecken.
◦ Mit einer manufakturähnlichen Produktionsweise, ...
◦ einer Betriebsgröße von 10 bis 20 Personen und der ...
◦ Familienführung war die Silberschmiede Adam Manns ...
◦ typisch für eine Reihe anderer Silberschmieden in ...
◦ und um Hanau zu dieser Zeit.

Herkunft


◦ Der erste "Manns" in Dörnigheim war => Andreas Manns
◦ Er wurde 1823 in der thüringischen Rhön geboren.
◦ Er war katholisch und vom Beruf her Eisenbahnaufseher.
◦ 1850 erfolgte die Heirat in Dörnigheim mit Katharina Boos.
◦ Der Sohn war Ernst Manns, 1854 geboren in Dörnigheim.
◦ Er heiratete Agnes Franziska Maria Becker aus Fechenheim.
◦ Adam Manns war eines von 8 Kindern.
◦ Er wurde 1874 in Dörnigheim geboren.
◦ Adam Manns gründete später die Silberschmiede.

Entstehungszeit


Adam Manns, Jahrgang 1874 wurde an der Zeichenakademie in Hanau zum Silberschmied ausgebildet. Er arbeitete dann in Hanau in seinem Beruf (Firma Kurz?). Nach dem ersten Weltkrieg soll er gemeinsam mit seiner damaligen Chefin in Paris gewesen sein und dort Inspirationen für eigene Silberprodukte geholt haben. Beim Besuch von Geschäften habe die Chefin Verkäufer in Gespräche verwickelt, während Adam mehr oder minder heimlich Zeichnungen von Waren anfertigte. Unter anderem aus diesen fertigte er in der Wohnung in der Kennedystraße 10 abends eigene Modelle als Vorlage für Gußformen an. Im Jahr 1922 erfolgte die Gründung der eigenen Silberschmiede. Im Hinterhof des Wohnhauses in der Kennedystraße 12 in Dörnigheim wurde ein in Nord-Süd-Richtung verlaufendes zweistöckiges Gebäude errichtet, das heute [2020] noch steht. Sowohl im Erdgeschoss als auch im ersten Stock fand dann die Produktion statt. Belegschaftsphotos aus den Jahren 1935 und 1938 zeigen 10 bis 20 Mitarbeiter.

Zweiter Weltkrieg


Im Jahr 1938 übernahm der Sohn, Wilhelm Manns (Jahrgang 1905) die Geschäftsführung. Wilhelm Manns war gelernter Kaufmann. Wilhelm war während des Krieges aufgrund seiner französischen Sprachkenntnisse in St. Nazaire in Frankreich stationiert. Im Krieg wurden unter anderem auch größere Stückzahlen Eiserner Kreuze als Auszeichnung für Soldaten hergestellt. Vor Zerstörungen blieb die Schmiede verschont.

Nachkriegsaufschwung


Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg soll viel zerstörte Ware aus Hanau zum Einschmelzen in die Schmiede gelangt sein. (In den letzten Kriegswochen hatte Hanau einen schweren Bomberangriff erlitten). Hauptkunden während dieser Zeit sollen amerikanische Soldaten gewesen sein. Es folgte eine bauliche Erweiterung: in den Jahren 1951 und 1952 erhielt die Werkstatt eine von Ost nach West verlaufende Erweiterung, womit die heutige (2019) L-Form entstand. Bis in die 1970er Jahre ging es mit der Produktion weiter aufwärts. Silberwaren wurden zu festen Händlern, zum Beispiel im Ruhrgebiet, verkauft. Ein renommierter Kunde war der Juwelier Rüschenbeck. Während dieser goldenen Jahre wurde in den Lokalzeitungen immer wieder über die Schmiede berichtet.

Besteckmarkenbuch


◦ Waren der Silberschmiede wurden im Besteckmarkenbuch geführt.
◦ Das Besteckmarkenbuch wurde vom Diebener Verlag veröffentlicht.
◦ 1950 wurde dort eine Werbeanzeige mit drei Stielen geschaltet.

AMD


◦ Das offizielle Firmenkennzeichen ist AMD.
◦ Es steht für "Adam Manns Dörnigheim".
◦ Es wurde 1938 eingeführt und im Markenregister
◦ des jährlich erscheinenden Goldschmiede-Kalenders ...
◦ angemeldet. Auffällig ist, dass die Punze (Stempel) ...
◦ nicht unscheinbar, etwa an einem Stiel, angebracht wurde ...
◦ sondern steht auffällig, etwa auf der Unterseite ...
◦ eines Löffels.

Silberner Bembel


◦ Eine herausragende Besonderheit waren Silberne Bembel.
◦ Es wurden mehrere davon an die Firma Höhl verkauft.
◦ Die Firma Höhl aus Hochstadt kelterte Apfwelwein.
◦ Berühmt wurde die Firma über den "Blauen Bock".
◦ Ein silberner Bembel kostete 1975 etwa 1600 DM.

Arbeitsgang Gießen


Die fertigen Produkte setzten sich normalerweise aus vielen Einzelteilen zusammen. Bei einem Leuchter waren dies zum Beispiel viele kleine Füße, mehrere Bodenteile, zwei Stilelemente, mehrere Ärme und Kerzenhalter. Diese Einzelteile wurde zunächst gegossen. Dieser Arbeitsschritt wurde an auswärtige Gießereien, zum Beispiel Gans (?) und Ehrlich aus Kesselstadt vergeben. Die Gußformen wurden nach den Modellen angefertigt.

Arbeitsgang Kratzen


Die gegossenen Teile wurden nun chemisch gereinigt. Ziel war es, unerwünschte Metalle wie zum Beispiel Kupfer, aus der Oberfläche zu entfernen. Die Gußteile wurden längere Zeit in ein Säurebad gelegt. Dadurch entstanden an der Oberfläche (sulfidische?) Verbindungen, die mit rotierenden Messingbürsten (zum Beispiel 300 U/min) entfernt wurden. Dieser Arbeitsschritt hieß "Kratzen". Das Kratzen war nicht ungefährlich. Verhakte sich ein gewundenes Teil in den schnell rotierenden Bürsten, konnte dabei ein Finger mit abgerissen werden.

Arbeitsgang Ziselieren


In den Gußteilen grob angelegte Oberflächenformen wurden nun von Hand nachziseliert. Eine beliebte Form war eine als Hanauer Rose bekanntes Blumenmotiv. Die Ziseleure saßen auf niedrigen dreibeinigen Hockern an ebenfalls niedrigen Werktischen. Das entsprechende Einzelteil wurde dazu in einen speziellen Ziseleurskitt eingebettet und somit fixiert.

Arbeitsgang Löten


Die Einzelteile wurden dann mit offenen Gasflammen zusammengelötet.

Arbeitsgang Schwärzen


Um den Waren ein antikes Äußeres zu geben, wurden sie mit "Schwärze" bestrichen. Beim anschließenden Polieren blieb die Schwärze in den Vertiefungen zurück, wodurch der gewünschte Effekt entstand.

Arbeitsgang Vergolden


Manche Waren wurden abschließend noch chemisch vergoldet. Ein Beispiel ist die Innenfläche von Trinkbechern oder Obstschalen.

Zeitungsartikel


◦ 1969, 27. Juni, Dörnigheimer Anzeiger (?): Französische Gäste aus Lyon waren begeistert über diesen Fachbetrieb
◦ 1972, 16. August, Hanauer Anzeiger (?): Heute fast nur Großsilberteile
◦ 1972, 18. August, Dörnigheimer Echo: Silber aus Dörnigheim in allen Landen
◦ 1972, 26. August, Tagesanzeiger für das Kinzigtal: "Hanauer Rose" aus Dörnigheim
◦ 1973, 30. November, Zeitung für den Westlichen Landkreis: Jetzt eine "Silberstube" in Dörnigheim
◦ 1973, Zeitung unbekannt: Silberstube eröffnet
◦ 1974, 19. Januar, Tages-Anzeiger für das Kinzigtal: In der unvergänglichen Welt des Silbers
◦ 1975, 02. Oktober, Maintal Zeitung: Maintaler Firma zeigt Vielfalt des Silberschmiedehandwerks
◦ 1980, (Datum unklar), Zeitung unklar: Trend zum Silber stark gestiegen

Firmenende


In den 1980er Jahren sank die Nachfrage nach Silberwaren stetig, gleichzeitig drängte ausländische Konkurrenzware auf den Markt. Die Dörnigheimer Silberschmiede war eine von vielen Betrieben aus Hanau, die letztendlich schließen mussten. 1988 erfolgte die offizielle Abmeldung des Gewerbes.

Verkauf heute


◦ 1988 wurde der Betrieb der Silberschmiede eingestellt.
◦ Viele Modelle wurden an die Silberschmiede Oswald verkauft.
◦ Diese Silberschmiede verkauft noch heute (2019) alte Waren aus Dörnigheim.
◦ Das Gebäude in der Kennedystraße 12 steht noch heute.
◦ Im Internet wird Dörnigheimer Silber noch rege gehandelt.

Nachlass


◦ Ein digitalisierter Nachlass wird aufbewahrt in der Zeichenakademie Hanau.
◦ Kontaktperson in der Zeichenakademie war Dr. Thiel (2019).
◦ Es existieren noch folgende Dokumente im Original:
◦ Ein Brief aus der Gründungszeit mit Inflationsbriefmarken
◦ Belegschaftsphotos aus den 1930 bis 1940er Jahren
◦ Handschriftliche Notizen über die abgebildeten Personen
◦ Zeitungsartikel von 1969 bis 1980
◦ Eine Visitenkarte aus den 1970 oder 1980er Jahren
◦ Ein etwa 20-seitiger Praktikumsbericht aus dem Jahr 1976
◦ Ein Bogen Firmenpapier aus den 1970er oder 1980er Jahren
◦ Auftrag der Kelterei Höhl über "weitere silberne Bembel"
◦ Rechnungen über Strom oder Heizungsreparaturen
◦ Preislisten aus den Nachkriegsjahren
◦ Diverse Annoncen (Werbungen)
◦ Die Abmeldung des Gewerbes 1988

Literatur


Johanna Gehrlein: Rosen-Bestecke. Erschienen 2009 im Selbstverlag. ISBN: 978-3-98-13273-0-4. Kontakt: 63796 Kahl, Burgweg 5; Auf den Seiten 84 bis 89 sind kurz der Werdegang der Firma, die Entstehung des Firmenkennzeichens AMD und einige ausgewählte Silberwaren beschrieben. Siehe auch www.rosen-bestecke.de

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