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Pseudodyskalkulie

Der Verlust der Kopfrechenfähigkeit

Am 17. März 2017 veröffentlichten rund 130 Professoren einen Brandbrief. In ihm attackierten Sie scharf die dann vorherrschende Mathematik-Didaktik an den Schulen, namentlich die sogenannte Kompetenzorientierung. Als Beleg für ihre Warnung fügten Sie dem Brief eine Reihe von Aufgaben an. Die Beispielaufgaben sollten zeigen, wie stark der Verlurst elementarer Fähigkeiten aus der Mittelstufe vorangschritten ist. Seit 2005 unterrichten wir Mathematik von der Mittelstufe bis hin zum diversen technischen Studiengängen. Unsere Beobachtungen übetreffen an Dramatik die Beisiele aus dem Brandbrief der Professoren.

Es folgt eine Liste von Aufgaben, die selbst Schüler eines Mathe-LK mit guten oder Noten (2) und sogar viele Studenten des Maschinenbaus oder der Wirtschaftswissenschaften nicht mehr ohne Taschenrechner lösen können:

◦ 700 geteilt durch 4
◦ 714 geteilt durch 4
◦ 8 geteilt durch 0,5
◦ 8 hoch minus 1
◦ 0,23 mal 800
◦ 40 cm² in mm²
◦ 3,8 cm³ in Litern

Und als Textaufgabe: Teile 240 Gramm so in zwei Stücke, dass das eine Stück dreimal so schwer ist wie das andere Stück.

Dyskalkulie?

Zuerst glaubt man, dass man es mit Dyskalkulie zu tun hat. In einigen wenigen Fällen ist das tatsächlich so, aber sehr oft auch nicht. Hätten die betroffenen Schüler und Studenten tatsächlich eine Dyskalkulie würden sie nicht problemlos auf Anhieb Erklärungen verstehen. Das tun die meisten aber. So genügen einige wenige Tipps und bereits nach 5 Minuten sind Aufgaben wie 7/10 geteilt durch 0,1 oder 0,89 mal 400 überhaupt kein Problem mehr. Auch die Umrechnungsaufgaben von Einheiten werden oft sehr schnell begriffen.

Pseudodyskalkulie

Tatsächlich ist es so, dass die betroffenen Schüler oder Studenten oft seit der Klasse 7 überhaupt nicht mehr im Kopf gerechnet haben. Es wurde stets der Taschenrechner benutzt. Diese Praxis beobachten wir auch in unserem täglichen Nachhilfeunterricht. Wir sprechen hier von einer Pseudodyskakulie weil die fehlenden Rechenkompetenzen denen einer unbehandelten Dyskalkulie sehr nahe kommen. Das Pseudo macht deutlich, dass die Ursache aber nicht in den Köpfen der Lernenden liegt, sondern einzig in einem mangelhaften Training seitens der Schulen.

Was tun?

Wer eine technische oder kaufmännische Ausbildung, ein ingenieur- oder naturwissenschafltiches Studum oder sogar Informatik oder Mathematik anstrebt, sollte sich vor dem Studium gut 50 bis 100 Stunden mit den Grundlagen aus der Mittelstufe beschäftigen. Dazu gibt es gute Bücher oder auch Intensiv-Kurse. Was man in etwa können solle, kann ma nachlesen unter => Brandbrief 2017

Ein Appell

Als Nachhilfelehrer kämpfen wir täglich mit dem Dilemma utopischer Lernziele seitens der Schulen. Symptomatisch sind Fünftklässler, die sich schwer tun mit der Umrechnung von Dreieinhalb Metern in Zentimeter. Für die nächste Klassenarbeit müssen sie aber das schriftliche Rechnen mit Binärzahlen können. Oft stehen die guten bis sehr guten Mathematik-Noten in keinem Verhältnis zu den Grundlagenfertigkeiten. Ein Zehntklässler kann durchaus auf dem Zeugnis eine 2 in Mathematik bekommen, ohne dass er weiß, wie man 700:4 rechnet. Den Schulstoff deutlich entschlacken, den Taschenrechner frühestens ab der Oberstufe einsetzen und dafür ausreichend Zeit für das Training von Grundlagen und Textaufgaben geben: das wäre unser Wunsch aus der Praxis an die Schulen.

Siehe auch

=> Brandbrief 2017
=> Dyskalkulie