Bildbeschreibung und Urheberrecht Legasthenie und Mathematik Elterntipps

22 Praxistipps für Eltern

1. Geduld

Das ist das Wichtigste: Gehen Sie immer davon aus, dass Ihr Kind eigentlich alles gut und richtig machen möchte. Zeigen Sie nie Unverständnis, wenn es nicht klappt. Gehen Sie nie davon aus, dass etwas logisch sein müsste. Erklären und wiederholen Sie immer wieder ruhig neu.

2. Sich schlau machen

Es gibt viele gute Bücher und Internetseiten zum Thema Legasthenie beziehungsweise zur Lese-/Rechtschreibschwäche. Informieren Sie sich über:

◦ Typische Probleme von Kindern mit Lese- und Schreibproblemen
◦ Didaktische Ansätze, Lernmethoden

Suche Sie auf jeden Fall den Rat professioneller Legasthenie-Trainer oder Therapeuten. Vertrauen Sie nie auf die Aussage, dass sich hier etwa auswächst. Das kann sein, muss aber nicht sein.

3. Lehrer ansprechen?

Ein heikles Thema: Die Reaktionen von Lehrern reichen von kühler Zurückweisung bis hin zu kompetenter Fürsorge. Anders als bei Dyskalkulie haben Kinder mit einer Legasthenie jedoch einen Rechtsanspruch auf Erleichterungen im Unterricht. Sprechen Sie im Zweifelsfall zunächst das Jugendamt an. Interessant ist vielleicht auch die Seite => Legasthenie und Mathematik Lehrertipps

4. Nicht absondern!

Achten Sie darauf, dass Ihr Kind in der Schule keine sichtbare Sonderrolle bekommt. Das ist vielen Kindern peinlich und schafft nur Unruhe.

5. Jugendamt ansprechen?

Wird eine Legasthenie durch hauseigene Psychologen des Jugendamtes bestätigt, besteht die Möglichkeit zu Geldbeihilfen für einen Förderunterricht. Zudem kann das Jugendamt über gesetzlich zugesicherte Erleichterungen in der Schule informieren.

6. Lesen dauert!

Gehen Sie davon aus, dass Kinder mit einer Legasthenie erheblich viel mehr Zeit zum Lesen eines Textes brauchen, als andere Kinder. Zudem kostet es sie sehr viel Mühe und erschöpft sie schnell. Bei Mathe-Arbeiten mit einem hohem Textanteil spiegeln schlechte Noten eher die Probleme mit Texten als die Mathe-Fähigkeiten wieder.

7. Buchstaben tanzen

Mehrfach haben uns Schüler in der Lernwerkstatt erklärt, auf welche Weise sie von Buchstaben verwirrt werden. So kam es bei einem Jungen vor, dass er beim Blick auf Texte vor allem absatz- oder seitengroße Muster von Leerzeichen wahrnahm. Dieser Eindruck war so stark, dass er mit Gewalt diese Störungen wegdrängen musste. Ähnliche Geschichten hören wir öfters. Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind, wie man das Lesen leichter gestalten kann. Probieren sie viel herum.

8. Fonts probieren

Forschungen zeigen, dass Kinder mit einer Legasthenie verschiedene Fonts unterschiedlich gut lesen können. Die Effekte sind bei Legasthenikern oft deutlicher ausgeprägt als bei anderen Menschen. Tendenziell kann man sagen:

◦ Schriften ohne Serifen sind besser als solche mit
◦ Flattersatz ist besser als Blocksatz
◦ Zu starker Farbkontrast kann auch stören

Probieren Sie mit Ihrem Kind verschiedene Schriftgrößen, Schriftarten, Schrift- und Hintergrundfarben und Umbruchmethoden am PC aus.

9. Fingerführmethode

Gerade in Mathematik beobachten wir häufig, dass Schüler (mit und ohne Legasthenie) beim Übertragen und Lesen von Texten in der Zeile verspringen. Ein sehr wirksames Mittel dagegen ist die Fingerführmethode: Deutet man mit einem Finger oder eine Stiftspitze an die Stelle, wo man gerade liest, reduzieren sich die Fehler deutlich.

10. Stichworte, Skizzen

Viele Kinder mit einer Legasthenie schreiben eher ungerne. Trainieren sie mit Ihnen frühzeitig, wie man Stichworte, Abkürzungen, Formelzeichen oder Skizzen benutzt. Nebenbei gewöhnt man sich so auch an die spätere, sehr kurze Formelsprechweise der Mathematik.

11. Stichworte aufschreiben

Schreiben Sie zentrale Stichworte mit ihrem Kind gemeinsam ins Heft. Üben Sie damit auch das Nachschlagen von Worten in Registern. Beispiel: Wenn gelernt wird, was ein Quadrat ist, dann scheiben Sie das Wort ausdrücklich ins Heft. So kann das Kind eigenständig das Wort im Register suchen. Ohne diese Hilfe würde es eventuell erfolglos unter "Kwadrat" suchen.

12. Texte schnell "ent-Texten"

Wenn Texte Mühe bereiten, ist es gut, sie schnell in eine andere Form zu bringen: Aufgabenstellung schnell in Skizzen oder Stichworte umwandeln oder wenige Worte unterstreichen ist immer gut. Bei kleineren Texten genügt es oft, wenn man den Text in eigenen Worten wiedergibt. Wenn das gut gelingt (mit allen Zahlen!), dann hat man ihn gut im Kopf.

13. Kopfrechnen

Unbedingt fördern! Bei vielen Kinder, bei denen AD(H)S, Legasthenie oder Dyskalkulie im Gespräch ist oder diagnostiziert wurde, beobachten wir eine große Freude am reinen Kopfrechnen. Anfänglich sind vor allem die Probleme mit der Organisation der eigenen Gedanken sehr groß, doch nach etwa einem halben Jahr konsequenten Trainings klappt es dann immer besser. Zum Kopfrechnen zählen wir nicht nur einfache Arithmetik sondern etwa auch das Lösen quadratischer Gleichungen und komplexere Aufgaben. Viele Kinder bestätigen uns rückwirkend, dass Papier, Bücher, Schreibzwang und Computerbildschirme sie eher verwirren als unterstützen. Die Kinder (und Jugendliche) genießen oft ein ganz schriftfreien Unterricht.

14. Und ein Kind partout nicht lesen will?

Zwingen Sie ihr Kind nicht grundlos zum Schreiben oder Lesen wenn es nicht wirklich um Schreiben und Lesen Lernen geht. Denken Sie an Hörbücher oder Bildbände. Lesen Sie vor (vor allem jüngere Kinder genießen diese Zuwendung sehr).

15. Konzentriert sich mein Kind überhaupt?

Wenn Ihr Kind für eine einfache Rechnung sehr lange braucht, können Sie davon ausgehen, dass es konzentriert rechnet, auch wenn das von außen nicht sichtbar ist. Fragen Sie nach dem Rechenweg, wenn das Kind eine Lösung genannt hat. Oft sind (für uns Außenstehende) die Rechenwege der Kinder kompliziert. Wenn man sich in die Gedankenwelt des Kindes hineinversetzt, kann man oft (scheinbar) logische Schlüsse erkennen, die aber auf falschen Voraussetzungen beruhen. Das beobachten wir oft bei Kindern mit einer Legasthenie. Gleichwohl gibt es auch echte Träumer. Durch wenig Fragen kriegt man schnell heraus, wen man vor sich hat.

16. Stärken ansprechen

Kinder mit Schreib- und Leseproblemen zeigen oft erstaunliche Stärken, die aber in der gängigen Schulmathematik eher selten zum Tragen kommen:

◦ Gute Beobachtungsgabe
◦ Schätzen klappt oft gut
◦ Prägnante Sprache
◦ Zeichenfähigkeit
◦ 3D-Denken

17. Eine Frage des Denkstils?

Ja - und nein: Insbesondere aus den englischsprachigen Ländern kommend gibt es seit etwa 1990 eine Vielzahl von Veröffentlichungen zu Denkstilen oder Lerntypen. Wissenschaftlich ist das Konzept umstritten. Wir beobachten in der Lernwerkstatt, dass es ausgeprägte Unterschiede in der bevorzugten Denk- und Lernweise von Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen gibt. Wir beobachten bei vielen Kindern die Neigung, mit wenigen Fakten viel Denken zu wollen. Sie entwickeln dabei Kreativität (nicht immer hilfreich) und zeigen oft eine erstaunliche Intuition für Erklärungslücken, Widersprüche oder mögliche Zusammenhänge. Manchmal, aber nicht immer, gehen damit auch Präzision und Sorgfalt, die dann aber viel Zeit kosten. Es ist unser Eindruck, dass aus einer Kollision dieses Denkstils mit dem zu schnellen Schulstoff oft ähnliche Symptomatiken entstehen, wie sie auch bei einer Legasthenie und bei AD(H)S auftreten. Die Kinder bleiben oft erstaunlich hartnäckig in ihrem Stil und zeigen kaum Bereitschaft, sich von außen (Lob, Tadel, Noten, Vergünstigungen) steuern zu lassen.

18. Interessen fördern

Viele Kinder entwickeln schon früh eine fast unstillbare Wissbegierde. Geben Sie Futter. Oft verschlingen diese Kinder Sachbücher und eignen sich darüber einen großen "Faktenvorrat" an. Dinosaurier, Weltraum, Tiere, Kreuzritter oder vieles mehr sind beliebte Themen. Wir haben den Eindruck, dass die Kinder bis etwa zur Pubertät das Wissen nicht durchdenken oder prüfen wollen. Sie sammeln. So können Sie die Wissensfreude aufgreifen:

◦ Bücher kaufen
◦ In die Stadtbibliothek gehen
◦ In kindgerechte Museen gehen
◦ Ausflüge machen, siehe => Ausflugtipps
◦ Kindern zuhören wenn sie erzählen wollen
◦ Kindergerechte Experimentierkästen holen
◦ Denken Sie auch hier wieder daran, dass Lesen mühsam sein kann

19. Ruhezeiten

Lernen braucht Zeiten der Ruhe. Das geht im modernen Alltag oft unter. Wenn Ihr Kind das Bedürfnis nach mehr Zeit für sich und Stille äußert, dann nehmen Sie das ernst. Gerade Zeiten der Langeweile können wertvoll sein.

20. Jungen sind eher schlecht in Sprachen...

... und Mädchen eher schlecht in Mathe. Sagen Sie so etwas nie! Forschungen haben gezeigt, dass alleine schon die Erwähnung dieser Theorie die jeweiligen Geschlechter beeinflusst. Große Literaten sind oft Männer und hervorragende Mathematikerinnen und Programmiererinnen gibt es unter Frauen.

21. Fleiß loben

In westlichen Gesellschaften führt man gute Leistungen oft auf Talent zurück. In fernöstlichen Kulturen sieht man gute Leistungen auch als den Lohn für Fleiß. Loben Sie immer auch Fleiß und Ausdauer. Man muss kein geborgenes Genie sein, um etwas gut zu können.

22. Zuversicht

Unser erster Tipp war Geduld. Schließen möchten wir mit Zuversicht. Wir machen immer wieder die Beobachtung, dass früher oder später auch die größten Probleme verschwinden, wenn die Kinder von Zuversicht und Freude am Lernen getragen werden. Kinder mit fürsorglichen und zuversichtlichen Eltern lernen deutlich besser.

Siehe auch

=> Legasthenie [Übersicht]
=> Elterntipps [andere]






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