Bildbeschreibung und Urheberrecht Dyskalkulie Lehrertipps

Praktische Anleitungen für Lehrer

Einleitung

In einer Schulklasse von 30 Kindern sind statistisch etwa 1 bis 3 Kindern mit einer Dyskalkulie. Mit gezielter Hilfe werden die Symptome nach spätestens zwei Jahren verschwunden sein. Sie wachsen sich aber niemals von alleine aus.

Grundlage dieser Seite hier sind 5 Jahre Lehrerfahrung an einer Privatschule mit hohem Anteil an diagnostizierten Kindern sowie - seit 2010 - der Unterricht in der Mathe-AC Lernwerkstatt in Aachen. Zuerst beschreiben wir Merkmale einer Dyskalkulie. Danach folgen Tipps für den praktischen Unterricht.

Was ist Dyskalkulie?

◦ Nicht erklärbare Schwierigkeiten mit den Grundschul-Rechenarten.
◦ In anderen Fächern bestehen wenige oder keine Auffälligkeiten.
◦ Aber: eine Dyskalkulie geht oft mit einer Legasthenie einher.
◦ Mehr zur Definition steht unter => Dyskalkulie

Was ist Dyskalkulie nicht?

◦ Mangelhaftes Kopfrechnen an sich.
◦ Verstärkt beobachten wir, dass 700:4 für viele Schüler unlösbar ist.
◦ Das betrifft auch Oberstufenschüler mit Mathe-LK und guten Noten.
◦ Der Grund ist ganz schlicht die Nutzung des Taschenrechners.
◦ Erklärt man die Rechenweise, verstehen die Schüler es sofort.
◦ Solchen Kindern und Jugendlichen haben keine Dyskalkulie.
◦ Wir sprechen stattdessen von einer => Pseudodyskalkulie

Wie erkennt man eine Dyskalkulie?

◦ In der ersten Schulklasse sind die Symptome nur schwer erkennbar.
◦ Ab der zweiten, spätestens ab der 3. Klasse sind sie eindeutig:

Warnsignal Langsamkeit

◦ Das Auffälligste ist der Zeitbedarf für einfache Rechnungen.
◦ Wenn andere Kinder auswendig wissen dass 9+8 gleich 17 ist, ...
◦ dann brauchen andere noch gut eine Minute dafür.
◦ Der Grund: die Kinder rechnen noch zählend.
◦ Für die Erkennung einer Dyskalkulie gilt:
◦ Nicht das Ergebnis ist wichtig, ...
◦ sondern der Weg (zählend).

Warnsignal Vergessen

◦ Eltern und Lehrer berichten oft völlig verzweifelt, ...
◦ dass auch nach zig Stunden üben nichts hängen bleibt.
◦ Das ist ein typisches Anzeichen für eine Dyskalkulie.

Warnisgnal "eins daneben"

◦ Typisch sind Rechenfehler um eins zu viel oder zu wenig.
◦ Typisch wäre, dass bei ihnen 9+8 zu 16 oder 18 wird.
◦ Die Kinder rechnen zählend und machen dabei Fehler.
◦ Bei 9+8 zählen sie z. B. die 9 als ersten Schritt mit.
◦ Sie zählen dann nur bis zur 16 hoch.

Warnsignal Rückwärtszählen

◦ Jüngere Kinder haben auffällige Probleme von 20 rückwärts zu zählen.
◦ Das kann bis zur dritten oder vierten Klasse andauern.
◦ Wenn die richtige Antwort nicht sofort kommt: genau hinsehen
◦ Einfühltipp: versuchen Sie, das Alphabet rückwärts zu sprechen.

Warnsignal Minusrechnen

◦ Aufgaben wie 21-3 bereiten enorme Probleme.
◦ Für Oberstufenschüler kann auch 1003-17 so gut wie unlösbar sein.
◦ Alphabet-Einfühlaufgabe für Erwachsene:
◦ Welcher Buchstabe steht 14 vor dem r?
◦ Lösen Sie die Aufgabe im Kopf.

Warnisgnal Fingerrechnen

◦ Kinder mit Dyskalkulie lösen sich (kaum) vom zählenden Rechnen.
◦ Dies ist auch ein Grund für die Langsamkeit.
◦ Sie rechnen oft versteckt mit den Fingern.
◦ Aber: verbieten Sie das Fingerrechnen nicht!
◦ Die Kinder haben erst einmal keine andere Wahl.
◦ Zeigen Sie Alternativen auf und zeigen Sie deren Sinn (schneller).

Warnsignal schriftlich subtrahieren

◦ Ältere Schüler lösen Plus- und Minusaufgaben oft gut im Kopf.
◦ Beispiel: 848 minus 525 klappt im Kopf oft blitzschnell und gut.
◦ Man hat dann den Eindruck, dass die Kinder die Sache verstanden haben.
◦ Haben sie aber nicht: 1003 minus 5 klappt oft so gut wie gar nicht.
◦ Die Kinder stellen sich die Zahlen wie beim schriftlichen Rechnen vor.
◦ Sie addieren und subtrahieren also schriftlich im Kopf.
◦ Dabei gehen sie ziffernweise ohne Zahlvorstellung vor.
◦ Treten keine Überträge auf, klappt das oft gut.
◦ Mit Überträgen wird es schnell unmöglich.

Warnsignal Zahlendreher

◦ Oft werden Ziffern vertauscht.
◦ Aus der 35 wird dann eine 53.
◦ Lassen Sie die Kinder Aufgaben laut rechnen.
◦ Geben Sie ihnen nach der Antwort kurz Zeit.
◦ Sie sollen sich das Ergebnis ins "innere Ohr" sprechen.
◦ Viele "hören" dann den Fehler selbst und korrigieren sich.
◦ Gehen Sie niemals schnell mit dem Fehlerhinweis dazwischen.

Warnsignal Plusminusvertauscher

◦ Hartnäckig sein kann der Fehler das + und - Zeichen zu vertauschen.
◦ Dies ist eine reine Konzentrationsfrage, ist aber ein typischer Fehler.
◦ Geben Sie den Kindern vor allem viele gemischte Aufgaben.
◦ Geben Sie dem Fehler einen Namen (Plusminusvertauscher).
◦ Lassen Sie die Kinder die Aufgabenstellung erst laut sprechen.
◦ Das Rechenzeichen soll dabei übertrieben betont werden.
◦ Trainieren Sie das über Wochen und Monate.

Warnsignal Zehnerübertritt

◦ Rechnungen mit Zehner- oder Hunderterübertritt bereiten große Probleme.
◦ 24+3 kann durchaus 9 ergeben, es werden einfach die Ziffern addiert.
◦ Dies ist eines der schwierigsten Probleme überhaupt.
◦ Erwägen Sie hier außerschulische Hilfe.

Warnsignal Übertragungsfehler

◦ Viele Fehler passieren beim Abschreiben von Zahlen und Buchstaben.
◦ Im Buch steht 35-50, abgeschrieben wird 50-35.
◦ Auch hier hilft: das Geschrieben laut aufsagen ...
◦ oder mindestens ins "innere Ohr" sprechen.
◦ Ist typisch auch für Legasthenie.

Warnsignal Zahlenunverständnis

◦ Bis in höhere Klassen, können manche Kinder nicht sagen ...
◦ ob die 199 näher an der 50 oder näher an der 1000 liegt.
◦ Beste Hilfe: Visualisierung an der Zahlengeraden.
◦ Aber zeichnen nicht Sie die Zahlengerade.
◦ Bringen Sie den Kindern bei, wie sie sie selbst zeichnen.
◦ Sie werden dort vielleicht verblüffende Probleme beobachten.
◦ Ziel ist: die Zahlengerade soll als inneres Bild im Kopf entstehen.

Warnsignal Zollstock

◦ Strecken mit einem Maßstab oder Lineal zu messen kann schwierig sein.
◦ Die Kinder wissen dann oft nicht, wo man anfängt zu zählen.
◦ Sie zählen oft händisch alle Zentimeterschritte einzeln ab.
◦ Tipp: viel mit Lineal oder Zollstock arbeiten, über Monate.

Warnsignal Zeigeruhr

◦ Das Erlernen der Zeigeruhr bereitet oft erhebliche Schwierigkeiten.
◦ Das kann bis weit in die Mittelstufe hineinreichen.
◦ Hier auf Hilfe von außen setzen.

Warnsignal Präpositionen

◦ Viele kleine Worte mit Orts- und Zeitbezug sind völlig unverstanden.
◦ Es kann für Drittklässler unmöglich sein, eine Zebrafigur korrekt ...
◦ "zwischen" eine Elefanten- und eine Löwenfigur zu stellen.
◦ Worte wie zwischen, neben, aufeinander, hindurch, vor,
◦ nach, entgegen, nachfolgend und so weiter viele mehr ...
◦ können bis in die Oberstufe Probleme bereiten.
◦ Tipp: Besprechen Sie Aufgabenstellungen ausführlich.
◦ Lassen Sie sich zeigen, was "zwischen", "über" etc. bedeuten.

Warnsignal Legasthenie

◦ Legasthenie und Dyskalkulie sind statistisch korreliert.
◦ Psychologen sprechen von einer Komorbidität.
◦ Legasthenie meint nicht nur Rechtschreibprobleme.
◦ Legasthenie meint oft auch sehr große Leseprobleme!
◦ Lesen dauert oft gut dreimal so lang wie bei andere Kinder.
◦ Bei Textaufgaben kommen die Kinder oft gar nicht bis zur Mathematik.
◦ Mehr dazu auf => Legasthenie und Mathematik

Wie kann man sicher sein, ob Dyskalkulie vorliegt?

◦ Offiziell anerkannt sind nur Testungen von Diplom-Psychologen.
◦ Helfen kann zum Beispiel der schulpsychologische Dienst.

Nun kommen Tipps für den Unterricht. Auch "normale" Kinder können davon profitieren. Das Wichtigste: orientieren Sie sich nicht vorrangig an den schnellen und guten Schülern. Nehmen Sie aktiv auch die stillen und zurückgezogenen Kinder dran. Loben Sie Fleiß und Bemühen und weniger das richtige Ergebnis.

Tipp: Keine Alternativen

◦ Wählen Sie ein konkretes Verfahren für eine Rechnung aus.
◦ Bieten Sie am Anfang keine alternativen Rechenwege an.
◦ Solange trainieren bis es automatisiert ist.
◦ Erst dann alternative Rechenwege vorstellen.

Tipp: Keine Materialvielfalt

◦ Bieten Sie nur eine Anschauungshilfe an.
◦ Wechseln Sie das Anschauungsmaterial nicht.
◦ Beispiel: Wenn Addition am Zahlenstrahl, dann nur am Zahlenstrahl.
◦ Nicht alternativ mit Plättchen, Knete, Stäben oder sonstetwas.
◦ Kinder mit einer Dyskalkulie lernen nicht über Vielfalt!
◦ Aber: zeigen Sie am Anfang mehrere Materialien.
◦ Lassen Sie das Kind eines auswählen.
◦ Das dann auch "beihalten".

Tipp: Einspluseins

◦ Fordern Sie ein, dass das Einspluseins automatisiert wird.
◦ Aufgaben wie 8+3 müssen auswendig gekonnt werden.
◦ Binden Sie die Eltern mit ein.
◦ Das Erlernen kann Monate dauern.

Tipp: Einmaleins

◦ Auch das kleine Einmaleins muss auswendig gekonnt werden.
◦ Auswendig heißt: das Ergebnis muss sofort ohne Überlegung kommen.
◦ Begleitend kann man Rechenwege dazu aufzeigen.
◦ Aber vorrangig ist hier das Auswendiglernen.
◦ Auch hier: Eltern einbinden

Tipp: Kleinstschrittige Erklärungen

◦ Der Arbeitsspeicher von Kindern ist oft klein:
◦ Geben Sie dem Kind pro Satz nur eine kleine Idee.
◦ Warten Sie seine Rückmeldung ab, ob es verstanden wurde.
◦ Lassen Sie beim Reden lange Pausen zwischen ihren Sätzen.
◦ Suchen Sie den Blickkontakt zu den Kindern.
◦ Man sieht dann oft, ob etwas verstanden wurde.

Tipp: Wasserdichte Anleitungen

◦ Geben Sie dem Kind kleinstschrittige Rechenanleitungen schriftlich.
◦ Fordern Sie von dem Kind ein, diese Anleitung einzuhalten.
◦ Erlauben Sie dem Kind keine abweichenden Rechenverfahren.
◦ Alternativen werden erst erlaubt, wenn der zu lernende ...
◦ Rechenweg völlig automatisiert und gut klappt.

Tipp: Worte statt Rechenzeichen

◦ Fragen Sie nicht: Was ist 13 minus 5.
◦ Fragen Sie besser: Was bleibt übrig, wenn man von 13 fünf wegnimmt?
◦ Fragen Sie nicht: Was ist 12 geteilt durch 3.
◦ Fragen Sie besser: Wie oft steckt die 3 in der 12.
◦ Mehr unter => Rechnen und Sprache

Tipp: Kein "Konstruktivismus"

◦ Zur Zeit setzen Schulbücher darauf, dass Kinder Zusammenhänge selbst erkennen.
◦ Kinder mit Dyskalkulie sind davon oft völlig überfordert.
◦ Geben Sie Ihnen klare Lösungswege zum Lernen vor.
◦ Leitgedanke: erst können, dann denken.

Tipp: Verbalisieren

◦ Halten Sie Erkenntnisse zum Rechnen in klaren Worten fest.
◦ Lassen Sie die Kinder viel Nachsprechen und Aufschreiben.
◦ Nicht nur das Muster hinter 43+20=63 unbewusst erkennen lassen.
◦ Explizit sagen: Rechnet man ganze Zehner dazu, ändert sich ...
◦ nichts an den Einerstellen.

Tipp: Aufgabenstellung nachsprechen lassen

◦ Lassen Sie Rechenaufgaben von dem Kind in eigenen Worten wiederholen.
◦ Oft erkennt man so, wie wenig sich manche Kinder merken können.
◦ Wiederholen Sie die Aufgabenstellung solange, bis die ...
◦ Kinder sie komplett nachsprechen können.
◦ Erst dann die Lösung angehen lassen.

Tipp: Wortklärungen

◦ Überprüfen Sie am Anfang von Textaufgaben immer das Wortverständnis.
◦ Wenn es heißt, ein Hund ging die Straße entlang, lassen Sie die ...
◦ Situation von dem Kind skizzieren oder mit Fingern zeigen.
◦ Wörter wie "entlang", "gegenüber" oder auch "nach"...
◦ sind oft völlig unklar.

Tipp: Fingerrechnen ist OK

◦ Stellen Sie das Kind niemals bloß, wenn es mit Fingern rechnet.
◦ Erlauben Sie es, aber weisen sie darauf hin, dass es mit großen ...
◦ Zahlen nicht mehr klappen kann.
◦ Alternativen attraktiv machen.

Tipp: Stoff reduzieren

◦ Geben Sie dem Kind (unsichtbar für andere) eigene Hausaufgaben.
◦ Lassen Sie "exotische" Themen wie Mittelwerte durchaus ganz weg ...
◦ und nutzen sie die Zeit lieber für etwas wie das Einmaleins.

Tipp: Aufhören erst bei Automatisierung

◦ Hören Sie mit Wiederholungen erst auf, wenn der Stoff ohne Überlegen sitzt.
◦ Hören Sie vorher auf, war alles bisher Gelernte völlig umsonst.

Tipp: Sprechendes Rechnen

◦ Um herauszufinden, wie die Kinder rechnen,
◦ lassen Sie die Kinder laut sprechend rechnen.

Tipp: Erste Antwort muss stimmen

◦ Damit haben wir bei vielen Kindern sehr gute Erfahrungen gemacht:
◦ Stellen Sie eine gut lösbare Kopfrechenaufgabe.
◦ Der Lösungsweg muss dem Kind für diese Übung bekannt sein.
◦ Bedingung für das Kind ist: die erste Antwort muss stimmen.
◦ Alternativ darf das Kind auch aufgeben oder eine schlaue Frage stellen.
◦ Auf keine Fall darf aber laut gedacht werden.
◦ Das erste gesprochene Wort sollte die richtige Antwort sein.
◦ Diese Methode hat oft die Konzentration enorm erhöht.

Tipp: Stärken erkennen

◦ Schärfen Sie den Blick für die Stärken des Kindes.
◦ Erwähnen Sie diese und machen Sie alle Fortschritte spürbar.
◦ Auffällige Stärken von Kindern mit Dyskalkulie sind zum Beispiel:
◦ gutes Detailgedächtnis (etwa von konkreten Aufgaben)
◦ gutes Schätzen von Längen echter Gegenstände,
◦ detailfreudiges Zeichnen.

Tipp: Geduld

◦ Erwarten Sie nicht, dass die Dinge in Wochen gelernt werden.
◦ Gehen Sie auch bei Grundfertigkeiten von Monaten bis Jahren aus.

Tipp: Fleiß Loben

◦ Loben Sie sparsam das Können.
◦ Loben Sie den Fleiß und die Mühe.

Tipp: Keine düsteren Prognosen

◦ Kinder mit Dyskalkulie leiden oft sehr in der Grundschule.
◦ Das Leben bleibt für sie schwierig bis in die Mittelstufe.
◦ Oft aber werden Sie in der Oberstufe in Mathematik sehr gut.
◦ Dyskalkulie beschränkt sich meistens auf den Grundschulstoff.
◦ Fordern Sie Fleiß ein und bieten Sie Ruhe und Zuversicht.

Tipps: Wortvermeidungen

◦ Dies ist eine sehr persönliche Einschätzung von uns:
◦ Vermeiden Sie Wörter wie Dyskalkulie und Therapie.
◦ Vor allem sollten Kinder diese Worte nicht hören.
◦ Sie führen zu einer unnötigen Stigmatisierung.

Kann man Kontakt mit den Autoren aufnehmen?

◦ Wir bieten keine Lehrerschulungen an.
◦ Wir freuen uns aber über jeden Austausch mit Lehrern.
◦ Unsere Kontaktdaten stehen auf => WH54 Impressum

Siehe auch

=> Legasthenie [ähnliche Probleme]
=> Dyskalkulie [Hauptseite]






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